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Brüssel, 12. März 2018 – Am 06. März wurde im Europäischen Parlament zu Brüssel eine Debatte unter dem Motto des diesjährigen Welttags des Hörens: “Hear the future” (frei übersetzt: “Höre die Zukunft”) gehalten. Die Schlußfolgerung der Debatte war, daß Schwerhörigkeit eine der größten gesundheits-bezogenen Problemstellungen unserer Zeit ist. Eine Herausforderung, die sich in den kommenden Jahren weiter vergrößern wird.

Gastgeberin und Mitglied des Europaparlamentes Renate Sommer (Deutschland, CDU/EPP) eröffnete die Debatte mit einem Bericht über den Stand der Dinge: Schwerhörigkeit ist eine der größten gesundheits-bezogenen Problemstellungen in Europa und eng mit der zunehmenden Alterung der Gesellschaft verbunden. Da schon im Jahre 2050 ein großer Teil der Bevölkerung der Europäischen Union über 65 Jahre alt sein wird und die durchschnittliche Lebenserwartung stetig steigt, stellt Schwerhörigkeit besonders in der nahen Zukunft eine große Herausforderung dar.

Die Vizepräsidentin des Europäischen Schwerhörigen-Verbandes (EFHOH), Lidia Best, präsentierte eine Zusammenfassung früherer Debatten und unterstrich dabei, daß es den Schwerhörigen Europas ein besonderes Anliegen sei, Schwerhörigkeit und professionelle HörVersorgung auf die politische Tagesordnung der EU und des Europäischen Parlamentes zu setzen.

Ein zunehmendes Problem mit Nebenwirkungen

Mark Lauryens, Präsident des Europäischen Verbandes der HörGeräte-Akustiker (AEA), illustrierte anhand von Daten das stetige Wachstum der Anzahl der Schwerhörigen Im Zeitraum der kommenden Jahre. Dieses Wachstum steht in enger Verbindung mit der Alterung der Gesellschaft. Schwerhörigkeit ist größtenteils altersbedingt und die Anzahl der Senioren über 65 Jahren wird sich im Laufe der nächsten dreißig Jahre beträchtlich vergrößern. Das gleiche gilt auch im Bezug auf die Anzahl der von kognitivem Verfall und Demenz-Erkrankungen Betroffenen, da auch diese Krankheitsbilder altersbedingt sind. Darüber hinaus ist das Risiko einer Demenz-Erkrankung bei einer unbehandelten Schwerhörigkeit zwei- bis fünfmal größer als bei einer Behandlung der Schwerhörigkeit. Mark Lauryens betonte die positive Einwirkung von professioneller HörVersorgung auf die wachsende Anzahl der Betroffenen. Schwerhörigkeit tritt nämlich als ein modifizierbarer Faktor bei Demenz-Erkrankungen auf und eine Behandlung von Schwerhörigkeit wirkt daher dem erhöhten Erkrankungs-Risiko nachweislich entgegen.

Shelly Chadha, Verantwortliche der Weltgesundheits-Organisation (WHO), gab einen Einblick in die im Laufe der nächsten dreißig Jahre weltweit zu erwartenden Auswirkungen von Schwerhörigkeit: Als Folge des Bevölkerungs-Wachstums bei gleichzeitiger Alterung der Gesellschaft wird weltweit eine stetig steigende Anzahl Menschen von Schwerhörigkeit betroffen sein. Die WHO nimmt an, daß schon im Jahre 2050 circa 900 Millionen Menschen von einer beeinträchtigenden Schwerhörigkeit betroffen sind. Wollen wir uns auf diese Zukunft vorbereiten, ist es wichtig, Strategien zur Vorbeugung von Schwerhörigkeit zu entwickeln und das Thema offen anzusprechen.

Persönliche und gesellschaftliche Konsequenzen

Leiterin des Forschungszentrums “Inserm” an der Universität zu Bordeaux, Professorin Hélène Amieva, trug mit einer Zusammenfassung ihres neuesten wissenschaftlichen Artikels zur Debatte bei. Der Artikel beruht auf einer Längsschnitt-Studie mit fast 3.800 Teilnehmern, die über einen Zeitraum von 25 Jahren betreut wurden. Die Studie zeigte, daß eine unbehandelte Schwerhörigkeit sowohl das Risiko des Patientens von anderen abhängig zu werden, als auch das Risiko einer Demenz-Erkrankung beträchtlich erhöht. Die selbe Studie zeigte jedoch auch, daß der Gebrauch von HörTechnik diesen Risiken beträchtlich entgegenwirkt.

Emerita Bridget Shield der South Bank Universität zu London stellte ihre kommende Studie zu den sozialen und ökonomischen Kosten von unbehandelter Schwerhörigkeit vor. Die Studie soll die ökonomischen Kosten des durch unbehandelte Schwerhörigkeit bedingten Verlusts von LebensQualität und Produktivität dokumentieren. Europaweit ist dieser mit jährlichen Kosten von über 500 Milliarden Euro verbunden. Dazu kommen die steigenden Kosten der mit Schwerhörigkeit verbundenen Gesundheitspflege sowie des Verlusts von Steuereinnahmen, der durch die niedrigeren Einkommen der Schwerhörigen verursacht wird. Sowohl der gleichzeitige Anstieg der Sozialhilfezahlungen, welcher durch die höhere Zahl der Arbeitslosen unter Schwerhörigen bedingt wird, als auch die Kosten, die durch mit Schwerhörigkeit in Verbindung stehende Krankheiten verursacht werden, müssen in die Berechnung einbezogen werden. Die Studie wird voraussichtlich dieses Jahr publiziert.

Immer noch eine heikle Angelegenheit

Anne-Sophie Parent, Generalsekretärin der Interessens-Organisation Age Platform Europe, machte deutlich, daß Schwerhörigkeit bei den Betroffenen der Generation 50plus, welche von der Interessens-Organisation vertreten wird, immer noch ein großes Tabu ist und für viele mit Altern in Verbindung gebracht wird. Schwerhörigkeit ist eine weithin verschwiegene und unbeachtete Beeinträchtigung, die viele lieber für sich behalten oder sich nicht bewusst sind. Anne-Sophie Parent stellte auch die Tatsache in Frage, daß professionelle HörVersorgung von Kindern und Jugendlichen von den meisten EU-Mitgliedsstaten bereitgestellt wird, während Senioren in der Gesundheitspolitik vieler Staaten mehr oder weniger vernachlässigt und ignoriert werden.

Appell an die Mitgliedsstaaten

Mitglied des Europaparlamentes und stellvertretender Gastgeber Heinz Becker (Österreich, EPP) beendete die Debatte mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse. Er sagte, dass die Gesundheitspolitik von jedem einzelnen Mitgliedsstaat der Europäischen Union selbst gehandhabt wird und dass das Europaparlament deshalb nur den Appell, Schwerhörigkeit und die Wichtigkeit von HörVersorgung ernst zu nehmen, an die einzelnen Staaten richten kann. Schwerhörigkeit ist und bleibt eine der wichtigsten gesundheits-bezogenden Problemstellungen, die sich in den nächsten Jahren nur vergrößern wird.

Die Initiativträger der Debatte

Die Debatte wurde vom Europäischen Schwerhörigen-Verband (EFHOH), von der Interessens-Organisation Age Platform Europe, dem Europäischen Verband der HörGeräte-Akustiker (AEA) und dem Europäischen Verband der HörGeräte-Hersteller (EHIMA) arrangiert.