Deutscher SchwerhörigenBund e.V. qualifiziert Schrift-Dolmetscher in Nordrhein-Westfalen

Über 50.000 Menschen in NRW sind so stark hörbehindert, daß sie trotz technischer Hilfen in vielen Situationen Sprache nicht akustisch verstehen können. Durch einen HörSturz kann jeder von heute auf morgen zu dieser Gruppe gehören. Man muß nicht erst die komplexe Gebärdensprache lernen, sondern kann mit Hilfe von Schriftdolmetschern weiter an Vorträgen, Veranstaltungen und gesellschaftlichen Ereignissen teilhaben und selbstbestimmt leben, wie es die UN – Behindertenrechts-Konvention der Vereinten Nationen als Menschenrecht verbrieft.

Schriftdolmetscher übersetzen das gesprochene Wort am Computer simultan in Text zum Mitlesen. Das bedeutet viel mehr, als nur schnell zu tippen. Die Worte müssen sinnvoll strukturiert und in glatt lesbaren Text übersetzt werden, ohne Stopptaste für den Redefluss. Die geistig anspruchsvolle Dolmetscher-Tätigkeit wird deshalb mit attraktivem Honorar entlohnt, wenn man die Weiterbildung zum Schriftdolmetscher mit einem Zertifikat abgeschlossen hat.

Da der Bedarf an qualifizierten Schriftdolmetschern in Nordrhein-Westfalen noch lange nicht gedeckt ist, unterstützt das Land jetzt finanziell die Teilnahme an den aktuellen Schriftdolmetscher- Lehrgängen des Deutschen Schwerhörigenbundes. Anmeldungen sind ab sofort möglich über bildung@schwerhoerigen-netz.de.

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Viele Absolventen sind Quereinsteiger aus dem Sekretariatsbereich oder andere „Tastatur-Freaks“, die diese technisch und sozial ansprechende Tätigkeit ausüben. Übrigens müssen die Dolmetscher nicht unbedingt persönlich anwesend sein. Immer häufiger wird das Ferndolmetschen über eine Internet-Verbindung praktiziert. Eine gewisse räumliche und zeitliche Flexibilität ist allerdings von Vorteil.

Hintergrund-Informationen:
Viele der folgenden Informationen beziehen sich auf die Studie „Teilhabe und Inklusion von Menschen mit HörSchädigung in unterschiedlichen Lebenslagen in Nordrhein-Westfalen“ von Prof.Kaul/Prof.in Niehaus aus 2013 von der Universität Köln.
Betroffenenzahlen:
Von den 17,7 Millionen Einwohnern in NRW sind statistisch gesehen über 3,2 Millionen hörgeschädigt! Die Zahl basiert auf statistisch belastbaren Untersuchungen, da die Feststellung des Grades der Hörschädigung nicht amtlich vorgeschrieben ist und es somit keine absoluten Zahlen gibt.
Die Presseinfo nennt die Zahl der an Taubheit grenzend oder stärker hörgeschädigten Personen, die zumindest in einigen Situationen nicht mehr akustisch Sprache verstehen können. Das sind in NRW über 50.000 Personen! Dazu
gehören auch die gebärdensprach-orientierten gehörlosen Betroffenen, die gemäß Kapitel 3.3.2 e in Tausendstel
der Gesamtbevölkerung ausmachen, also etwa 17.700 in NRW. Somit sind noch weit über 30.000 Personen lautsprachlich orientiert und können mit Gebärdensprache und Gebärdensprach-Dolmetschern wenig anfangen.
Schwerhörige / Ertaubte / Gehörlose:
Schwerhörige sind lautsprachlich orientiert und können mit technischen Hilfen noch Sprache akustisch verstehen. Ohne Technik oder in akustisch ungünstigen Situationen können die stärker Betroffenen, die in der Regel mindestens „an Taubheit grenzend schwerhörig“ sind, Sprache nicht mehr akustisch verstehen. Ertaubt (genaugenommen „spätertaubt“) bedeutet, nach Erwerb der Lautsprache taub zu werden.
Gehörlose sind gebärdensprach-orientiert, sie machen wie schon gesagt im Schnitt 1 Promille der Bevölkerung aus. Meistens sind sie prälingual ertaubt, das heißt vor dem SprachErwerb.
Lautsprache / Gebärdensprache:
Gebärdensprache ist eine eigene komplexe Sprache und hat ein ganz anderes Sprachgefühl als Lautsprache. Deswegen verstehen viele Gehörlose die Lautsprache auch als Text nicht gut, und umgekehrt lernt ein lautsprachlich orientierter Hörgeschädigter nicht „mal eben so“ die Gebärdensprache. Natürlich gibt es in allen Betroffenengruppen zweisprachige Personen („bilingual“), je nach Sprachbegabung, aber es ist nicht die Regel.
Kommunikations-Unterstützung: Schrift- / Gebärdensprach-Dolmetscher:
Schrift-Dolmetscher sind die Kommunikations-Unterstützung für die lautsprachlich-orientierten Hörgeschädigten für die Situationen, in denen sie Lautsprache nicht mehr akustisch verstehen können. Sie übersetzen das gesprochene Wort der Lautsprache in mitlesbaren Text.
Gebärdensprach-Dolmetscher sind Kommunikations-Unterstützung für die gebärdensprach-orientierten Hörgeschädigten. Sie übersetzen zwischen Lautsprache und Gebärdensprache.
Weitere Kommunikations-Unterstützungen gibt es für andere Betroffenengruppen: Taubblinden-Assistenten, Lorm-Dolmetscher, usw.
Während die Gebärdensprach-Dolmetscher relativ sichtbar und bekannt sind (zum Beispiel durch die Gebärdensprach-Untertitelung auf dem Fernseh-Sender Phoenix), sind es die Dolmetscher anderer Kommunikations-Formen weniger. Dabei sind auch Schrift-Dolmetscher im Fernsehen tätig, sie schreiben die Live-Untertitelung für Diskussionsrunden, Nachrichten- oder Sport-Sendungen.
Auch die Betroffenen werden erst allmählich über ihre Rechte aufgeklärt, welche Kommunikations-Unterstützungen
es gibt, und in wie vielen Situationen sie durch staatliche Mittel, Krankenkassen oder Reha-Träger finanziert werden.
Schrift-Dolmetscher – Ausbildung:
Hier möchten wir gerne auf die Internetseite im Schwerhörigen-Netz verweisen, dem Portal des Deutschen Schwerhörigenbundes. Die Weiterbildung kostet sonst mehrere Tausend Euro, so daß dieses von der Landesregierung geförderte Angebot eine große Chance für Interessenten in NRW ist und öffentliches Interesse verdient.